LESEPROBE
In meiner Brust wohnt ein Drache
Geschichten aus einem kleinen, dunklen Herzen
Auszug aus "Dämon":
"In diesen Zeiten erinnerte sich der Dämon seiner Herkunft. Das Stechen und Quälen, das Zufügen hässlichster Pein, kam ihm nun vor wie etwas, das ein anderer begangen hatte, und er wusste auch um den Grund in der Erinnerung an den Anfang des Menschenlebens. Deshalb konnte er nur staunen, dass die anderen keinen Gedanken an diese kostbare erste Zeit übrighatten und er erkannte das Vergessen als den Grund allen Übels. Er verstand, dass die harten Jahre der Kindheit und des Heranwachsens schon einen dichten Schleier über die kostbare Anfangszeit legten, der sich dann mit dem Fortschreiten der Lebenszeit und immer neuen schrecklichen und schwierigen Erlebnissen so verdichtete, dass kaum einer durch ihn hindurchsehen konnte. Das scharfe Werkzeug des menschlichen Bewusstseins war durch die unzähligen lebensfeindlichen Erfahrungen einem Prozess ständiger Abstumpfung ausgesetzt und so durfte man es dem einzelnen kaum verübeln, dass die Membram, die sich zwischen dem eigenen und dem Erleben des anderen bildete, immer dicker und undurchdringlicher wurde."
Auszug aus "Der Baum mit den silbernen Fischen":
"Nie, so erschien es ihnen, hatten sie jemals so etwas Wunderbares erblickt. Sonne und Wind spielten in den silbernen Fischen. Es war wie die Entstehung eines riesigen Schatzes. Unbeschreibliche Schönheit und Anmut, Harmonie und eine sinnhafte und glückliche Existenz, das alles bedeutete dieser Anblick für die Notleidenden. Sie waren wie gebannt. Das Leiden der letzten Jahre fiel von ihnen ab und ihre Herzen wurden froh und belebten sich neu. Sie brachen in Tränen aus über dieses Wunder, über das Wunder der Welt und des Lebens, und fanden in ihr Menschsein zurück. Ihre Augen klärten sich und sie konnten sich gegenseitig wieder erfassen. Eltern sahen ihre Kinder, Kinder ihre Geschwister und Liebende erkannten sich wieder. Und es kam, wie es immer kam. Die Menschen strömten zu dem Baum mit den silbernen Fischen und nahmen sein Geschenk an. Sie gründeten ihr neues Leben darauf und siedelten sich am Waldrand an. Sie schlugen die Bäume für ihre Häuser, sie schlugen Bäume für ihre Feuer und sie töteten die Tiere des Waldes."
Auszug aus: "Kalt":
"Es ist Nacht und die Gischt befüllt weiterhin fleißig die Luft. Ich spüre sie wie einen Widerstand beim Einatmen. Das Meer will nicht, dass wir fliehen, dass wir Verräter ein neues Land erreichen. Es zerrt an uns. Ihr müsst aushalten, flüstert es mit einem Zischen und mit dem Geräusch vom Brechen der Wellen am Schiffsburg. Bleibt und haltet aus. Ihr werdet es nie erreichen. Das andere. Das sichere Ufer. Fast glaube ich es und die Kälte macht einfach die Türe auf, spaziert in meinen Körper und in mein Herz hinein, nimmt den letzten kleinen Rest meiner Wärme an die Hand und strömt damit hinaus aufs Meer."